Neues vom Heimatpfleger: Radschnellwege anno 1900

2020-06-18 16:17

Aus dem Staatsarchiv München: Radschnellwege anno 1900

Ein Radschnellweg von München nach Garching und Unterschleißheim ist schon seit längerem in Planung. Um den Bau zu beschleunigen, hat jetzt der Landkreis die Trägerschaft übernommen.

Radschnellwege sind keine neue Idee, es gab sie schon um 1900: von München nach Deisenhofen (1901), Schleißheim (1902) und Sauerlach (1904). Auch damals war der Träger das Landratsamt, damals „Bezirksamt“ genannt. Antragsteller war der „Deutsche Touringclub München“ (DTC). Es ging also um Wege für Radtouren in der Freizeit, nicht um Fahrten zur Arbeit wie heute. Fahrräder waren um 1900 sehr beliebt geworden, so dass Radfahrer-Vereine gegründet wurden. Manche gingen aus der Arbeitersport-Bewegung hervor, die neben der schon älteren bürgerlichen Turnerbewegung aufkam. So wurde auch der bekannte „TSV 1860 München“ gegründet. Die Radwege nach Deisenhofen und Sauerlach, die es heute noch gibt, durchzogen vom Arbeiterviertel Giesing aus den Perlacher Forst.

Bekannt und beliebt bis heute als Ziel einer geselligen Fahrt ist die Kugler-Alm bei Deisenhofen. Entstanden als Kantine für die Arbeiter, welche die Bahnstrecke nach Holzkirchen bauten, blieb sie mit ihrem großen Biergarten erhalten; dort wurde, so heißt es, die „Radlermaß“ erfunden. Von Milbertshofen, auch ein Arbeiterviertel, ging es durch das Corbinianiholz zur Schleißheimer Schlosswirtschaft mit ihrem Biergarten; Antragsteller war hier der „Verband bayerischer Radfahrer“. Das Bezirksamt erließ strenge Vorschriften; auf den Radwegen waren nicht erlaubt: Kinderwagen, Schubkarren, Fuhrwerke aller Art, Reiter, Viehtreiber, außer die Überquerung.

In Garching wurden „ortspolizeiliche Vorschriften“ erlassen. Bereits 1878 gab es ein Gesuch zur Freigabe von Fußwegen zum Radfahren. 1908 wurde das Wegwerfen von Flaschen, Glasscherben, spitzen Gegenständen auf öffentlichen Wegen, auch auf Radwegen untersagt und eine Strafe von 60 Mark oder Haft bis 14 Tagen angedroht. Auch heute wünscht man sich manchmal solche Strenge zum Schutz der Fußgänger und Radfahrer.

Das „Staatsarchiv München“ in der Schönfeldstr. 3 bewahrt Akten aus den Landratsämtern und deren Vorgängerbehörden (Bezirksamt, Landgericht) auf.

In eigener Sache: Der Autor hat ein Büchlein herausgegeben mit 20 „Garchinger Kultur Rad Touren“, erhältlich bei Bücher-Sirius, in der Stadtbücherei und beim Autor direkt.

Dr. Michael Müller



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